Montag, 12. Juni 2017

Wofür ist Religion gut?

Wir glaubten, die Religion überwunden zu haben, aber sie kommt in vielerlei Gestalt zurück.

"Normalerweise investiert die Menschheit nicht viele Jahrtausende lang in Dinge, die ihr nichts nützen. Wofür also sind die Religionen gut?
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Atheisten verstehen nicht, warum Religionen anstrengend und teuer sind. Sie sehen nur die gigantische Verschwendung von Zeit und Energie. Doch seit am Göbekli Tepe Scharen von Steinzeitjägern gut 200 sinnlose Riesenpfeiler aus dem Fels hämmerten, ist klar: Den Gläubigen sind ihre Rituale und Symbole gerade deswegen heilig - weil sie verschwendet sind.
Scheinbar ruinöses Verhalten kommt auch unter Tieren vor. Thomson-Gazellen zum Beispiel springen oft meterhoch in die Luft, wenn Wildhunde oder Hyänen hinter ihnen her sind. Das erscheint nicht sehr klug. Wer würde sich auf der Flucht vor hungrigen Räubern noch extra mit Angebereien verausgaben? Aber in der Akrobatik der Gazelle steckt ein präzises Kalkül. Sie zeigt damit an, wie gesund und fluchtstark sie ist. Und die Verfolger, die ihrerseits keine vergebliche Hetzjagd schätzen, suchen sich schwächere Tiere. So haben beide Parteien ihren Nutzen.
Die Verhaltensforschung spricht in solchen Fällen von "ehrlichen Signalen": Sie gaukeln nicht etwas vor, sie beweisen es.
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Religionen haben eine schier endlose Fülle von Prozeduren hervorgebracht, die weh tun, Opfermut verlangen oder einfach nur lästig sind: Gebetsrituale, Fastengebote, Selbstkasteiungen oder die Geduld, eine endlose lateinische Messe durchzustehen.
Paradox, aber wahr: Dass die Religion Mühe macht, ist ihr Schlüssel zum Erfolg. Der Mensch denkt, er investiere diese Mühe in sein Seelenheil. Doch all die Prüfungen und Hürden geben ihm vor allem Gelegenheit zu zeigen, dass auf ihn Verlass ist. Indem er sie meistert, beweist er nicht nur Gemeinsinn. Nicht zuletzt überzeugt er damit auch sich selbst. Denn jede Investition bindet ihn wiederum stärker an seinen Glauben.
Schon der Glaube als solcher ist, genau besehen, eine solche Investition. Stets geht es um höchst unwahrscheinliche Dinge, stets nistet gleich nebenan der Zweifel: Kann das denn wahr sein? Wer fände ohne weiteres zu der Überzeugung, dass wir vom Riesen Aurgelmir abstammen, der aus Eitertropfen entsprang?
So etwas zu glauben, das schweißt zusammen. Und je mehr es tun, desto wahrer wird es. ...

Wie um die Wette haben die Religionen die seltsamsten Glaubensgebäude hervorgebracht. So können die Anhänger zeigen, was alles sie unerschrocken sich zu eigen machen. Und zwar allein deshalb, weil es der Glaube ihrer Gruppe ist.
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...die ideale Religion: die System gewordene Schikane. Wer dieses Regime erträgt, meint es wohl heilig ernst mit der gemeinsamen Sache. Schmarotzer, die nur in das elitäre Netzwerk einsteigen wollen, werden nachhaltig vergrämt. So garantiert der hochritualisierte Alltag ein Maß an Verschworenheit und Exklusivität, das dem Geschäft sehr förderlich ist."

Der Spiegel von 2012 (Sehr erhellender Artikel, die Komplettlektüre lohnt sich.)

Und jetzt, liebe Gemeinde, wollen wir das mal weiterdenken. Vielleicht erklärt das auch ein paar gewisse weltliche Dinge. Der Kult muß so abgefahren sein, daß Freigeister sich facepalmierend abwenden. Dann bleibt ein exklusiver Club. Religion schweißt zu einer erfolgreichen Truppe zusammen. Wenn genug dran glauben, wird es "wahr" im Sinne von "wirkmächtig". 




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